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708.000.000.000.000 Dollar

Die Euroländer spannen einen Rettungsschirm nach dem anderen auf, um die Folgen der Finanzkrise abzumildern. Das Geschäft mit riskanten Finanzprodukten boomt aber mehr denn je.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Handel mit unregulierten Finanzprodukten – den sogenannten Overthe-Counter-(OTC)-Derivaten – hat inzwischen schwindelerregende Höhen erreicht.
  • Der OTC-Handel entspricht mittlerweile knapp dem Zehnfachen der gesamten globalen Wirtschaftsleistung eines Jahres.
  • Der Clou an solchen Trades ist: Sie müssen nicht von einer Aufsichtsbehörde genehmigt werden, sondern werden direkt zwischen denHändlern abgeschlossen.
Zur detaillierten Fassung

Schon bei dem Versuch, sich die Hunderte von Milliarden Euro der Rettungsschirme vorzustellen, müssen Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller passen. Erst recht unvorstellbar sind allerdings jene Summen, die an den Finanzmärkten umgeschlagen werden. Allein der Handel mit unregulierten Finanzprodukten – den sogenannten Over-the-Counter-(OTC)-Derivaten – hat inzwischen schwindelerregende Höhen erreicht (Grafik): Volumen gehandelte Derivate

Der OTC-Handel summierte sich im ersten Halbjahr 2011 weltweit auf rund 708 Billionen Dollar – das ist eine Zahl mit 15 Stellen.

Etwas deutlicher wird das Volumen im Vergleich mit einer anderen Kennziffer: Der OTC-Handel entspricht mittlerweile knapp dem Zehnfachen der gesamten globalen Wirtschaftsleistung eines Jahres. Auch von der größten Finanzkrise seit 1929 – der Subprime-Krise auf dem US-Immobilienmarkt im Jahr 2007 sowie ihren Ausläufern – hat sich diese Entwicklung nicht bremsen lassen:

Gegenüber dem ersten Halbjahr 2005 ist das Volumen der gehandelten Derivate bis Juni 2011 auf das Zweieinhalbfache gestiegen; allein gegenüber dem zweiten Halbjahr 2010 gab es ein Plus von 18 Prozent.

Der Clou an solchen Trades ist: Sie müssen nicht von einer Aufsichtsbehörde genehmigt werden, sondern werden direkt zwischen den Händlern abgeschlossen. Das macht sie zu einer kritischen Größe. Denn:

  1. Auf dem Derivate-Markt agieren nur wenige, aber sehr große Player.
  2. Übernimmt sich auch nur einer der Beteiligten mit seinen Kontrakten, kann dies eine unvorhersehbare Kettenreaktion auslösen.

Rein spekulative Investitionen in Derivate entziehen dem Markt produktives Kapital und erhöhen damit das systemische Risiko am Markt.

Denn im Gegensatz zu klassischen Finanzinvestitionen wie Aktien oder Unternehmensanleihen, die dafür sorgen, dass das Kapital in die reale Wirtschaft fließt, wird beim Derivate-Handel primär Vermögen verschoben.

Dienen die Derivate dagegen – wie ursprünglich gedacht – der Risikoabsicherung tatsächlich bestehender Geschäfte, ist nichts gegen sie einzuwenden. Mit solchen Termingeschäften lassen sich zum Beispiel Schwankungen von Rohstoffpreisen oder Wechselkursen auffangen. Auch als Kreditausfallversicherung sind Derivate geeignet – im Jahr 2011 hatten die Credit Default Swaps einen Wert von 32 Billionen Dollar.

Weil aber das Gros des Derivate-Handels rein spekulativer Natur ist, braucht dieser Markt vor allem eines – mehr Wettbewerb:

  1. Gäbe es mehr Marktteilnehmer, wäre die Spannbreite der Marktbewertungen größer und Fehlbewertungen von Risiken wie in der Finanzkrise ließen sich verringern.
  2. Marktkonzentrationen und damit verhängnisvolle Verflechtungen zwischen den agierenden Parteien würden vermindert – ebenso das Risiko des „too big to fail“.
  3. Die Kosten für Absicherungsprodukte würden sinken. Das ist vor allem im Euroraum dringend nötig, denn die Prämien für Credit Default Swaps auf Anleihen europäischer Krisenstaaten sind auch aufgrund spekulativer Käufe stark gestiegen.

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