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50 Euro für eine Stunde

Deutschland wird trotz der zuletzt deutlich gestiegenen Löhne nach wie vor Lohndumping vorgeworfen. Zu Unrecht, denn für die exportstärksten deutschen Industriezweige lässt sich sogar das Gegenteil feststellen: Eine Arbeitsstunde kostet dort oftmals schon mehr als 50 Euro.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutschland wird trotz der zuletzt deutlich gestiegenen Löhne nach wie vor Lohndumping vorgeworfen.
  • Große Autohersteller in Frankreich haben rund 26 Prozent güns­tigere Arbeitskosten als die deutschen, in Italien sind es sogar mitunter 40 Prozent weniger.
  • Insgesamt gesehen ist die deutsche Industrie fast ein Fünftel teurer als die etablierte ausländische Konkurrenz.
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Der jüngste Tarifabschluss in der chemischen Industrie – 3,7 Prozent für 14 Monate – dürfte dafür sorgen, dass die hiesigen Unternehmen im internationalen Vergleich weiterhin mit den EU-weit dritthöchsten Arbeitskosten zurechtkommen müssen (Grafik). Nur die chemische Industrie der vergleichsweise kleinen Konkurrenten Belgien und Schweden ist noch teurer.

Der Vorwurf an die deutsche Wirtschaft, sie würde mit Dumpinglöhnen Wettbewerber aus dem Markt drängen, läuft deshalb ins Leere. Das gilt ebenso für die – neben der Chemie – anderen drei exportstarken Branchen, die jeweils mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erzielen:

Kraftfahrzeugbau. Ob Mercedes-Benz, BMW, Audi, Porsche oder Volkswagen – die deutschen Automobilmarken haben international einen sehr guten Ruf. Zudem sind sie Imageträger. Wer mit der Marke X unterwegs ist, wird als besonders dynamisch eingeschätzt, wer das Modell Y fährt, gilt als sicherheitsbewusst. Schon wegen dieser Attribute sind die Kunden der deutschen Autobauer bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Ein Teil davon findet sich in den hohen Löhnen der Mitarbeiter wieder: Die deutschen Auto­bauer sind weltweit die einzigen, deren Arbeitskosten bereits die 50-Euro-Marke überschritten haben. Nur Unternehmen in Schweden und Belgien müssen ähnlich hohe Arbeitskosten schultern wie die deutsche Konkurrenz.

Große Autohersteller in Frankreich haben rund 26 Prozent güns­tigere Arbeitskosten als die deutschen, in Italien sind es sogar mitunter 40 Prozent weniger.

Elektrotechnik und Datenverarbeitung. Wer bei dieser Branche nur an Smartphones und PCs denkt, greift zu kurz. Beide Produktlinien spielen hierzulande keine große Rolle. Bei Arbeitskosten von über 40 Euro ist Deutschland hierfür kein rentabler Produktionsstandort.

Der Wirtschaftszweig punktet allerdings anderswo – etwa bei Mess- und Kontrollinstrumenten, Haushaltsgeräten, Elektromotoren und Batterien. Die gute Performance sorgt letztlich dafür, dass auch die Belegschaften ihren Teil vom wirtschaftlichen Erfolg abbekommen, in Form der europaweit vierthöchsten Arbeitskosten.

Maschinenbau. Im Vergleich zu anderen Branchen sind die deutschen Arbeitskosten hier eher durchschnittlich. Das gilt auch für Frank­reich, einen Mitbewerber. Von Kosten­dumping kann deshalb auch in diesem Fall keine Rede sein.

Insgesamt gesehen ist die deutsche Industrie fast ein Fünftel teurer als die etablierte ausländische Konkurrenz, ganz zu schweigen von den Schwellenländern, die wie China auf Arbeitskosten von teilweise weniger als 5 Euro die Stunde kommen.

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